15 Billionen Dollar für KI in zehn Jahren
Zehn bis 15 Billionen Dollar: So viel könnte der weltweite Ausbau der künstlichen Intelligenz laut Morgan-Stanley-Chef Ted Pick über einen Zeitraum von rund zehn Jahren kosten. Dahinter stehen gewaltige Investitionen in Rechenzentren, leistungsfähigere Stromnetze und immer leistungsfähigere Chips.
Um die Dimension einzuordnen: Die Unternehmen des S&P 500 waren Ende Oktober zusammen rund 68 Billionen Dollar wert. Ein Investitionsvolumen von 15 Billionen Dollar entspräche damit mehr als einem Fünftel der heutigen Marktkapitalisierung des Index.
Allerdings bedarf diese Zahl einer Einordnung: Keineswegs muss der gesamte Betrag durch zusätzliches Kapital von außen finanziert werden. Zudem verteilt sich der Finanzierungsbedarf über viele Jahre.
Am Ende des Cash Flow kommt das Fremdkapital
Große Cloudanbieter wie Amazon oder Microsoft erwirtschaften bereits erhebliche Mittel aus ihrem operativen Geschäft, die sie für den weiteren Ausbau einsetzen können. Schätzungsweise werden 55-65 % durch den freien Cashflow der Hyperscaler abgedeckt. Lediglich die verbleibenden ca. sechs Billionen Dollar müssen durch externe Kapitalgeber finanziert werden.
Hier kommen private Finanzierungspartner wie Beteiligungsgesellschaften oder Gemeinschaftsunternehmen und strategische Kooperationen ins Spiel. Auch Vorauszahlungen von Kunden können eine Rolle spielen. Der verbleibende Kapitalbedarf lässt sich schließlich über die Ausgabe neuer Aktien und Anleihen decken. Wie sich diese Finanzierungsquellen im Einzelnen gewichten, hängt vom jeweiligen Unternehmen und Projekt ab.
Eine einfache Rechnung verdeutlicht die Größenordnung: Würden beispielsweise diese sechs Billionen Dollar über zehn Jahre von externen Kapitalgebern bereitgestellt, entspräche das durchschnittlich 50 Milliarden Dollar pro Monat.
Auf ein Jahr hochgerechnet wären das knapp 0,9 Prozent der heutigen Marktkapitalisierung des S&P 500. Wohlgemerkt: Es handelt sich um ein Rechenbeispiel, nicht um eine Prognose. In der Realität dürften sich die Finanzierungen zudem alles andere als gleichmäßig verteilen.
Wer investiert?
Ein Blick auf die jüngsten Meldungen verdeutlicht, welche Summen bereits mobilisiert werden oder zumindest im Raum stehen:
SpaceX: Rund 40 Milliarden Dollar als verbindliche Zusage zur Finanzierung von Chips und Ausrüstung über Leasing. Der Abschluss ist vorbehaltlich bestimmter Bedingungen noch vor Jahresende vorgesehen.
Meta: 37,5 Milliarden Dollar über Stammaktien und zwingend wandelbare Vorzugsaktien. Bei den Stammaktien fließt Meta das Kapital erst mit der späteren Abrechnung zu. Darüber hinaus hat der Konzern laut Bloomberg Anleihen im Wert von rund 25 Milliarden Dollar platziert, darunter auch erstmals Anleihen in Euro.
Microsoft: 25 Milliarden Dollar über Anleihen für allgemeine Unternehmenszwecke. Die Konditionen stehen bereits fest.
Alphabet: Sechs Milliarden Euro über Anleihen, deren Konditionen am 2. November festgelegt wurden.
Oracle: 20 Milliarden Dollar, jeweils zur Hälfte über neue Aktien und Anleihen.
OpenAI: Laut Reuters wird eine Finanzierungsrunde über rund 20 Milliarden Dollar angestrebt. Ein entsprechender Mittelzufluss ist bislang allerdings noch nicht bestätigt.
Anthropic: Der Börsengang ist beantragt. Reuters berichtete über ein angestrebtes Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden Dollar. Die endgültigen Angebotsbedingungen stehen noch aus.
Die Beispiele verdeutlichen, wie breit die Finanzierungsbasis des KI-Ausbaus inzwischen aufgestellt ist. Gleichzeitig ist Vorsicht bei der Interpretation geboten: Die genannten Beträge sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Tatsächliche Emissionen, verbindliche Finanzierungszusagen und lediglich angestrebte Vorhaben folgen unterschiedlichen Zeitplänen. Kapital kann bereits gebunden sein, bevor es dem jeweiligen Unternehmen tatsächlich zufließt.
Wer bekommt das verfügbare Kapital
Treffen zahlreiche große Finanzierungen zeitgleich auf den Markt, entsteht zwangsläufig Konkurrenz um das verfügbare Kapital. Investoren müssen Mittel umschichten und Prioritäten setzen. Das kann sich zeitweise in höheren Finanzierungskosten oder attraktiveren Einstiegspreisen für Anleger niederschlagen. Politische Entwicklungen und Unternehmensnachrichten können solche Marktbewegungen zusätzlich verstärken. Einzelne Kursreaktionen sind deshalb allerdings noch kein Beleg für eine strukturelle Überlastung der Kapitalmärkte.
Unsere Einschätzung bleibt konstruktiv: Der KI-Investitionszyklus kann auf unterschiedliche Finanzierungsquellen und erhebliche laufende Mittelzuflüsse zurückgreifen. Die Kapitalmärkte haben ihre Bereitschaft, auch sehr große Finanzierungsvolumina aufzunehmen, bereits unter Beweis gestellt. Engpässe sind dennoch nicht ausgeschlossen – insbesondere dann, wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig Kapital benötigen.
Entscheidend wird daher weniger die absolute Höhe der angekündigten Investitionen sein als die Frage, wann und zu welchen Konditionen sie tatsächlich finanziert werden. Wir behalten diese Entwicklung genau im Blick. Denn wo ein hoher Kapitalbedarf auf begrenzte Finanzierungskapazitäten trifft, entstehen nicht nur Risiken, sondern auch interessante Chancen für Anleger.
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