Dieselben Daten, zwei Meinungen. Was wird Warsh tun?
Am 17. Juni tritt Kevin Warsh erstmals als Fed-Vorsitzender vor die Presse, und erbt einen Markt, der über Zinserhöhungen debattiert. Der Streit dreht sich nicht um die Konjunktur, sondern um die Annahmen hinter den Zahlen.
Inflation
Die Marktperspektive: Headline-CPI lag im Mai bei 4,2 Prozent, ein Dreijahreshoch nach 2,4 Prozent vor Kriegsbeginn im Februar 2026. Hinzu kommen 3,8 Prozent Headline- und 3,3 Prozent Kern-PCE. Das löst genug Unbehagen aus, um eine Erhöhungswette zu tragen.
Warshs bevorzugte Kennzahl: der Trimmed-Mean-PCE der Dallas Fed. Dieser Wert rechnet extreme Ausreißer auf beiden Rändern heraus und liegt bei 2,3 Prozent über sechs bis zwölf Monate, was im Trend nahe am Fed-Ziel von 2 Prozent liegt.
Welche Interpretation die Realität besser abbildet, hängt von einer Frage ab: Ist der Energiepreis, der die Headline-CPI und Headline-PCE treibt, nur ein Ausreißer oder der Anfang? Bleibt die Straße von Hormus länger geschlossen, wirken die höheren Energiepreise auf weitere Güter- und Dienstleistungspreise; die Teuerung sitzt dann nicht mehr nur am Rand, sondern in der Mitte der Preisverteilung. Dann beruhigt auch der Trimmed-Mean-PCE nicht mehr.
Arbeitsmarkt
Beim Arbeitsmarkt wiederholt sich das Muster: 172.000 neue Stellen im Mai bei erwarteten 80.000 sowie Aufwärtsrevisionen von zusammen 93.000 für März und April. Ein Dreimonatsschnitt von 188.000; der schnellste Anstieg seit März 2024. Der Markt sieht darin einen sich straffenden Arbeitsmarkt, und damit ein weiteres Argument gegen Senkungen.
Warsh zeigt auf die Zusammensetzung: Die Zugewinne stammen überproportional aus staatsnahen Sektoren. Die Lohndynamik liegt bei 3,4 Prozent, jedoch mit fallender Tendenz und schrumpfenden Reallöhnen. Was wie Stärke aussieht, ist im Kern nur staatliche Nachfrage und liefert keine tragfähige Begründung für Zinserhöhungen.
Warshs Programm
Die Zinsen werden bei 3,50 bis 3,75 Prozent bleiben und der Easing-Bias (Lockerungstendenz) dürfte aus dem FOMC-Statement fallen. Aufschlussreicher ist Warshs Programm, und es ist kohärent. Zinsen und Bilanz denkt er als Paket: Die seit 2006 fast verzehnfachte Notenbankbilanz soll schrumpfen. Da der Bilanzabbau restriktiv wirkt, schafft er Raum, um die Zinsen zu senken, ohne die Politik insgesamt zu lockern.
Dahinter steht eine abweichende Inflationslehre: Teuerung entstehe, wenn der Staat zu viel ausgebe und drucke, nicht aus zu starkem Wachstum oder hohen Löhnen. Teuerung entsteht, wenn der Staat zu viel ausgibt und druckt, nicht aus Wachstum oder Löhnen
Operativ folgt daraus dreierlei:
- Weniger Forward Guidance, womöglich keine eigene Zinsprognose im Dot-Plot.
- Festhalten an der 2025 vollzogenen Abkehr vom Average Inflation Targeting.
- Langfristig ein neues Treasury-Fed-Abkommen nach Vorbild von 1951, das die Unabhängigkeit der Notenbank sicherte.
Der Markt glaubt ihm nicht
Das Bemerkenswerte ist nicht Warshs kohärentes Programm, sondern dass der Markt es ignoriert. Und obwohl Warsh die institutionelle Macht hat, sein Programm umzusetzen, wird er trotzdem vom Anleihemarkt überstimmt: Der preist Zinserhöhungen bis Jahresende ein, die Zweijahresrendite liegt entsprechend über 4,10 Prozent.
Anleger sollten am 17. Juni weniger auf die Zinsentscheidung achten als darauf, was Warsh aus dem FOMC-Statement der Fed streichen wird.
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